Anfrage stellen

Hagelschaden an der Photovoltaikanlage: Erkennen, Dokumentieren & Regulieren

Nach einem Hagelunwetter erscheinen viele Solaranlagen äußerlich unversehrt – und sind es doch nicht. Mikrorisse in den Solarzellen entstehen ohne sichtbaren Glasbruch, führen aber zu schleichendem Ertragsverlust und gefährden den Versicherungsschutz. Dieser Leitfaden erklärt, wie Sie Hagelschäden zuverlässig erkennen, warum Thermografie die einzige gerichtsfeste Dokumentationsmethode ist und was Betreiber sofort nach einem Hagelereignis tun müssen.

Sichtbare und unsichtbare Schäden – warum der erste Blick täuscht

Ein Hagelunwetter zieht über Ihre gewerbliche PV-Anlage. Am nächsten Morgen gehen Sie aufs Dach und sehen: Das Schutzglas der Module ist intakt. Kein Riss, kein Einschlag. War es nur Regen? Leider nein – und diese Situation ist gefährlicher als ein offensichtlicher Glasbruch.

Hagelkörner übertragen beim Aufprall kinetische Energie auf das Modulglas. Bei ausreichender Energie bricht das Glas sofort – das ist sichtbar und löst typischerweise eine Versicherungsmeldung aus. Bei geringerer Energie oder kleineren Hagelkörnern bleibt das Glas äußerlich intakt, aber die Solarzellen darunter erleiden Mikrorisse (Micro-Cracks). Diese sind mit bloßem Auge nicht erkennbar, selbst bei direkter Betrachtung unter Sonnenlicht nicht.

Mikrorisse unterbrechen die leitfähigen Verbindungen zwischen den Zellbereichen. Das führt zu zwei direkten Konsequenzen: Erstens sinkt die Leistungsabgabe der betroffenen Zellen sofort, jedoch meist nur geringfügig – zu wenig, um im normalen Monitoring aufzufallen. Zweitens breiten sich die Risse durch thermische Zyklen (Aufheizen tagsüber, Abkühlen nachts) über Monate und Jahre aus. Was heute 2 % Leistungsverlust bedeutet, kann nach zwei Jahren 15 % oder mehr sein.

Die drei Schadenstypen nach Hagel:
  1. Glasbruch: Sofort sichtbar, eindeutige Ursache, einfach dokumentierbar
  2. Mikrorisse (Micro-Cracks): Unsichtbar, nur per Thermografie oder Elektrolumineszenz nachweisbar, häufigste Schadensform
  3. Rahmen- und Rückseitenfolienschäden: Oft übersehen, führt zu Feuchteeintritt und beschleunigter Degradation

Besonders tückisch: Moderne Hochleistungsmodule mit dünnem Glas und PERC-Zelltechnologie sind empfindlicher für Mikrorisse als ältere Standard-Module. Eine Anlage, die zehn Jahre störungsfrei lief, kann nach einem einzigen Hagelereignis erheblich in Mitleidenschaft gezogen sein – ohne dass es zunächst auffällt.

Hagelwiderstandsklassen – was Ihre Module aushalten können

Die internationale Norm IEC 61215 definiert Hagelwiderstandsklassen für Solarmodule von HW1 bis HW5. Die Klasse gibt an, welchen Hagelkorndurchmesser und welche Aufprallgeschwindigkeit ein Modul ohne Glasbruch übersteht. Was die Norm jedoch nicht prüft: Mikrorisse. Ein Modul kann die HW4-Prüfung bestehen und dennoch Mikrorisse aufweisen.

Klasse Hagelkorndurchmesser Aufprallgeschwindigkeit Einsatz
HW112,5 mm4,0 m/sWenig hagelgefährdete Lagen
HW216,3 mm5,2 m/sStandardgebäude
HW325 mm8,2 m/sMindeststandard D/A/CH
HW435 mm11,9 m/sHagelgefährdete Regionen
HW545 mm14,0 m/sExtremlagen, Solarparks

In Deutschland lag die Hagelhäufigkeit in Süddeutschland, Teilen von NRW und dem Alpenvorland in den letzten Jahren deutlich über dem langjährigen Mittel. Klimaprognosen des DWD gehen davon aus, dass Extremwetterereignisse weiter zunehmen. Wer heute eine neue Anlage plant, sollte mindestens HW3, bei exponierten Lagen HW4 einplanen.

Sofortmaßnahmen nach einem Hagelereignis – was Sie jetzt tun müssen

Nach einem Hagelschlag läuft die Uhr. Versicherungsverträge schreiben typischerweise eine Schadensanzeige innerhalb von 72 Stunden vor. Gleichzeitig ist es wichtig, keine unüberlegten Maßnahmen zu treffen, die den Schaden vergrößern oder die Dokumentation gefährden.

01

Anlage prüfen und ggf. abschalten

Prüfen Sie die Wechselrichteranzeige auf Fehlermeldungen. Bei deutlichem Leistungseinbruch, sichtbarem Glasbruch oder Brandgeruch schalten Sie die Anlage am DC-Trenner ab und informieren Sie Ihren Elektrofachbetrieb.

02

Schadensdatum und Wetterdaten sichern

Notieren Sie Datum und Uhrzeit des Hagelereignisses. Laden Sie den DWD-Radarniederschlag für Ihren Standort herunter – das ist kostenlos über wetter.de oder meteoblue.com. Diese Daten belegen gegenüber der Versicherung, dass tatsächlich ein Hagelereignis stattgefunden hat.

03

Schaden bei der Versicherung melden

Melden Sie den Schaden unverzüglich bei Ihrer PV-Versicherung – auch wenn Sie noch keine sichtbaren Schäden feststellen können. Die Frist zur vollständigen Dokumentation ist in der Regel länger. Fragen Sie explizit nach den Anforderungen für die Schadensanalyse.

04

Provisorische Fotodokumentation

Fotografieren Sie sichtbare Schäden (Glasbruch, Einschlagspuren) mit Maßstab. Versuchen Sie keine Reparaturen, bevor die Versicherung und der Sachverständige die Anlage begutachtet haben.

05

Thermografie-Inspektion beauftragen

Beauftragen Sie zeitnah eine normkonforme Thermografie-Inspektion nach IEC TS 62446-3. Diese ist für Mikrorisse die einzige zuverlässige Methode und wird von Versicherungen und Gutachtern als Nachweis akzeptiert.

Warum Thermografie die einzige zuverlässige Diagnosemethode ist

Mikrorisse in Solarzellen sind mit keiner anderen praxistauglichen Methode flächendeckend nachweisbar. Die Elektrolumineszenz-Prüfung (EL) liefert zwar präzisere Rissbilder auf Zellebene, erfordert aber die Abschaltung der gesamten Anlage und ist bei Freiflächenanlagen logistisch kaum durchführbar.

Die Drohnen-Thermografie nach IEC TS 62446-3 erfasst dagegen alle Module einer Anlage im laufenden Betrieb. Mikrorisse, die elektrischen Widerstand erzeugen, erscheinen im Thermogramm als lokale Wärmeanomalien. Die Norm schreibt vor, unter welchen Messbedingungen (Mindest-Einstrahlung, Windgeschwindigkeit, Modul-Betriebszustand) Bilder aufgenommen werden müssen – nur so sind die Ergebnisse gerichtsfest und versicherungskonform.

Was ein IEC TS 62446-3 konformer Thermografie-Bericht nach Hagelschaden enthält:
  • Vollständige Modulabdeckung mit georeferenzierten Thermogrammen
  • Klassifikation aller Anomalien nach Temperaturdifferenz (ΔT in Kelvin)
  • Gegenüberstellung von Thermogramm und RGB-Bild pro Modul
  • Lageplan mit exakter Position jedes betroffenen Moduls
  • Ertragsverlustkalkulation auf Basis der gefundenen Defekte
  • Protokoll der Messbedingungen (Einstrahlung, Temperatur, Wind)

Dieser Bericht ist die Grundlage für die Versicherungsregulierung und – falls notwendig – für ein gerichtliches Sachverständigengutachten. Ohne diesen Nachweis können Versicherungen Leistungen kürzen oder verweigern, weil die Schadensursache nicht eindeutig belegt ist.

Versicherung, Obliegenheiten und was viele Betreiber falsch machen

Die meisten Photovoltaik-Versicherungen decken Hagelschäden über die Naturgefahrenklausel ab. Doch zwischen dem Schaden und der Auszahlung liegen in der Praxis häufig Streitigkeiten – nicht weil die Versicherung nicht zahlen will, sondern weil Obliegenheitspflichten verletzt wurden.

Obliegenheiten sind Verhaltensanforderungen, die der Versicherungsnehmer erfüllen muss, um seinen Versicherungsschutz zu erhalten. Bei PV-Anlagen gehören dazu typischerweise: regelmäßige Sichtprüfungen (oft jährlich), wiederkehrende Prüfungen der elektrischen Anlage nach DGUV Vorschrift 3 oder DIN VDE 0105-100 sowie bei Anlagen ab bestimmten Leistungsklassen eine thermografische Inspektion nach VdS-Empfehlung alle zwei Jahre.

Wer diese Prüfpflichten vernachlässigt hat, riskiert im Schadensfall eine Leistungskürzung. Im schlimmsten Fall argumentiert die Versicherung, dass der Schaden bei ordnungsgemäßer Wartung früher erkannt und begrenzt worden wäre. Eine aktuelle Thermografie-Inspektion – idealerweise aus den 12 Monaten vor dem Schadensereignis – ist daher nicht nur für die Schadensdokumentation wertvoll, sondern auch als Nachweis der erfüllten Obliegenheiten.

Hagelschaden und Herstellergewährleistung – zwei unterschiedliche Ansprüche

Hagelschäden sind in der Regel kein Gewährleistungsfall gegenüber dem Modulhersteller. Die Produktgarantie deckt Herstellungsfehler (Delamination, Snail Trails, Zelldefekte aus der Produktion), nicht aber externe Einwirkungen wie Hagel, Sturm oder Vandalismus. Diese gehören in die Versicherungsregulierung.

Es gibt jedoch eine wichtige Ausnahme: Wenn ein Modul die beworbene Hagelwiderstandsklasse nicht erfüllt – also bei einer Hagelkorngröße versagt, die laut Datenblatt toleriert werden sollte – liegt ein Produktmangel vor. In diesem Fall besteht ein paralleler Anspruch gegen den Hersteller. Dies ist in der Praxis schwer nachzuweisen und erfordert ein Gutachten, das die Hagelkorngröße des Ereignisses belegt und die Modulschwäche identifiziert.

Kosten der Thermografie nach Hagelschaden

Die Kosten einer Drohnen-Thermografie zur Hagelschadensanalyse richten sich nach der Anlagengröße. Für gewerbliche Dachanlagen zwischen 50 und 500 kWp liegen sie typischerweise zwischen 600 und 2.800 Euro netto. Für Solarparks ab 500 kWp werden die Kosten individuell kalkuliert.

Diese Kosten sind in aller Regel versicherungsfähig. Viele PV-Versicherungen erstatten die Kosten für eine fachgerechte Schadensdiagnose als Teil der Schadenregulierung – fragen Sie bei Ihrer Versicherung nach, bevor Sie die Inspektion beauftragen. Bei Versicherungen, die die Vorlage eines Gutachtens zur Voraussetzung für die Regulierung machen, ist die Erstattung nahezu immer gegeben.

Häufige Fragen

Sind Hagelschäden an Solarmodulen immer sichtbar?

Nein. Oberflächliche Einschlagspuren und zerbrochenes Glas sind offensichtlich, aber die gefährlichsten Schäden – Mikrorisse in den Solarzellen – sind mit bloßem Auge nicht erkennbar. Sie entstehen durch den Aufprall auch dann, wenn das Schutzglas intakt bleibt. Mikrorisse führen zu schleichenden Leistungsverlusten und können sich durch thermische Zyklen über Monate ausbreiten.

Zahlt die Versicherung bei Hagelschäden an der Solaranlage?

Ja, wenn eine Photovoltaik-Versicherung mit Naturgefahrendeckung besteht und die Obliegenheitspflichten erfüllt wurden. Voraussetzung ist eine fachgerechte Schadensdokumentation. Viele Versicherungen verlangen ein unabhängiges Gutachten auf Basis einer normkonformen Thermografie-Inspektion.

Welche Hagelwiderstandsklasse schützt Solarmodule zuverlässig?

HW3 (25 mm Korndurchmesser) gilt als Mindeststandard für mitteleuropäische Verhältnisse. Für exponierte Lagen und hagelgefährdete Regionen wird HW4 oder HW5 empfohlen. Wichtig: Die Klasse schützt vor Glasbruch, nicht zwingend vor Mikrorissen.

Wie lange nach einem Hagelereignis kann ich noch Schäden melden?

Die meisten Versicherungsverträge verlangen eine Schadensmeldung innerhalb von 72 Stunden. Die vollständige Schadensdokumentation mit Gutachten kann in der Regel innerhalb von 2–4 Wochen nachgereicht werden. Prüfen Sie die Fristen in Ihrem Versicherungsvertrag.

Jetzt Inspektion anfragen

Betroffen? Wir helfen weiter.

Charged Elements GmbH – normkonforme Thermografie-Inspektion nach IEC TS 62446-3 für PV-Anlagen jeder Größe in Hamburg und Norddeutschland.

Kostenlose Anfrage stellen →